Personaluntergrenzen in der Neurologie

Posted: September 26, 2019 by Pflegeflow

Nur mit einer guten Pflegepersonalausstattung ist eine sichere und gute Behandlung von Patientinnen und Patienten im Krankenhaus möglich. Mit zwei Maßnahmen sorgen wir darum für ausreichend Pflegepersonal: In vier pflegesensitiven Krankenhausbereichen gelten ab dem 1. Januar 2019 Pflegepersonaluntergrenzen. Begleitet wird diese Maßnahme ab 2020 von Vorgaben für die gesamte Pflege im Krankenhaus – dem sogenannten „Ganzhausansatz“.

Bundesgesundheitsministerium / https://www.bundesgesundheitsministerium.de/personaluntergrenzen.html#c13749

(Stand 26.9.2019)

(Meine Gedanken beziehen sich auf die Personaluntergrenzen im neurologischen Bereich. (Mit Schwerpunkt Menschen mit Behinderung) Weil es das Fachgebiet ist, in dem ich mich bewege und wo ich mich auskenne) und weil ich mich frage, ob Menschen mit Behinderung überhaupt eine Lobby in diesem System haben, ob es der Politik wirklich bewusst ist, das dieses Klientel in Krankenhäusern existiert!

Das Instagram TV Video zum Thema

Personaluntergrenzen. Der Gedanke ist gut. Mehr Personal mit weniger Patienten. Mit dem Ganzhausansatz eine gute Pflege und Patientensicherheit gewährleisten.

Endlich wird erkannt wo es brennt und es wird gehandelt.

Wenn ich mir dann aber so ansehe, wie die neuen Personaluntergrenzen festgelegt wurden, frage ich mich…“Wer macht sowas?

Sind das Menschen die wirklich wissen, was in einer Klinik so los ist? Welches Patientenklientel dort zu pflegen ist?

Positiv ist, die Neurologie gehört endlich zu den pflegeintensiven Abteilungen.

Folgende Untergrenzen gelten für die Neurologie:

(Stand September 2019)

Tag 1:10, Nacht 1:20

Stroke Unit Tag 1:3, Nacht 1:5

Für die Stroke freut es mich ungemein, ich denke das hier wirklich profitiert werden kann.

Aber was ist mit der Neurologie? Wenn ich mir die DRG Bezeichnungen für die Neurologie so ansehe, sollte doch klar sein, welche Patienten dort behandelt werden (können)

Auszug aus dem Fallpauschalenkatalog:

Fallpauschalenkatalog 2018 G-DRG-Version 2018 (Stand 09.2019)
B49ZMultimodale Komplexbehandlung bei Morbus Parkinson
B63ZDemenz und andere chronische Störungen der Hirnfunktion
U61ZSchizophrene, wahnhafte und akut psychische Störungen
B68AMultiple Sklerose und zerebrellare Ataxie mit äußerst schweren CC (Komplikationen oder Komorbiditäten)
B76CAnfälle, mehr als ein Belegungstag, ohne komplexe Diagnostik
und Therapie, mit äuß. schweren CC, ohne kompl. Diagnose
oder mit schweren CC, Alter > 2 Jahre oder ohne schwere CC,
mit EEG oder best. Diagnose, ohne kompl. Diagnose, mit angeb. Fehlbildungen

Nehmen wir an, ich habe eine neurologische Station mit 19 Patienten. Demzufolge sind 2 Pflegekräfte im Dienst..Nachts ist man allein!

Auf dieser Station werden Epileptiker gepflegt.Teilweise schwer mehrfachbehindert, teilweise kognitiv eingeschränkt, teilweise psychisch auffällig, Autistisch..usw.

Ich zeige euch mal ein Fallbespiel (Personen und Situation wurden erfunden, angelehnt an den alltäglichen Stationsalltag. (Alle Personen und Namen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.)

Johann hat Epilepsie. Er ist 35 Jahre alt und hatte vor 12 Jahren einen schweren Unfall. Er spricht 1 Wort Sätze, man versteht ihn aber sehr schwer und muss ihm Zeit geben, zu kommunizieren. Johann hat einen elektrischen Rollstuhl mit dem er sich Fortbewegen kann, nur durch die Steuerung mit seinem rechten Daumen. Johann hat eine Sonde (PEG) die in seinem Magen liegt. Darüber bekommt er seine Medikamente und Wasser. Nahrung bekommt er oral, benötigt da aber eine Pflegekraft, die ihm das Essen eingibt.
Am Morgen wird Johann gewaschen, im Bett. Durch seine starken Spastiken, benötigt er Zeit! Um ihn wirklich gründlich zu waschen muss man an jeder Extremität die Spastiken lösen. Jedes Mal aufs neue. Beim Waschen, beim Abtrocknen, beim Ankleiden.
So eine Grundpflege incl. PEG Verband wechseln und Ankleiden dauert locker 20 Minuten. Danach wird er mit einem sogenannten „Lifter“ in den Rollstuhl mobilisiert. Es wird ein „Liftertuch“ unter seinen Körper gelegt und er wird damit in den Lifter gehängt, um ihn dann gut in den Rollstuhl mobilisieren zu können. Bis Johann gut sitzt, dauert es ungefähr 6 Minuten.
Danach werden die Medikamente für ihn vorbereitet, Säfte werden in der richtigen Dosierung aufgezogen, Tabletten gemörsert und einzeln in einer Spritze aufgelöst. Danach bekommt er die Medikamente über einen Schlauch (PEG) direkt in den Magen appliziert. Das frühstück wird ihm eingegeben. Er bekommt weiche Kost die er nur langsam Schlucken kann. (Nahrungsaufnahme und Medikamentengabe 30 Minuten)
Wenn Johann einen epileptischen Anfall hat, schreit er laut und beginnt dann, sehr massiv am ganzen Körper zu „zucken“. Meist beisst er sich dabei auf die Zunge. Wenn er im Bett liegt, ist es Aufgabe der Pflegekraft, für seine Sicherheit zu sorgen. Die Vitalwerte (zumindest Puls und Sauerstoffsättigung) werden ermittelt, die Anfallslänge/Veränderungen/Verhalten/Auslöser werden beobachtet und sind für die spätere Dokumentation wichtig.
Oft nässt Johann während eines Anfalls ein und muss dann um dann umgezogen werden.
Ist der Anfall vorbei, ist er oft verwirrt. Benötigt dann jemanden, der ihn beruhigt.
Ein Epileptischer Anfall mit Nachbereitung und Dokumentation kann locker 30 Minuten dauern.

Und neben Johann hast du noch mehr solcher Patienten.

  • Menschen mit kognitiver Einschränkung denen langweilig ist, die beschäftigt werden wollen und das auch lautstark äußern
  • Menschen die Hilfe beim Toilettengang benötigen, weil sie im Rollstuhl sitzen und sich nicht selbst mobilisieren können
  • Menschen die verwirrt oder Schizophren sind und sich nur durch eine adäquate Betreuung zumindest ein bisschen orientieren können.
  • Menschen mit Parkinson, die Angst haben, unsicher Laufen oder am Morgen deine Hilfe brauchst, weil der Körper einfach wie eingefroren ist

Ich könnte hier noch ewig weiter aufzählen und ich denke, es weiss jeder wie viel Pflege solche Patienten benötigen. Denn es ist ja mit der Grundpflege nicht getan.

Ein Patient wie du und ich, der sich selbst beschäftigen kann, Besuch bekommt, sich ablenkt hat natürlich einen geringeren Pflegeaufwand.

Diese Patienten haben oft niemanden, kein Handy (weil sie es nicht bedienen können), keinen Fernseher (weil sie sich darauf nicht konzentrieren können), keinen Besuch (weil sie oft aus Einrichtungen kommen), kein Buch (weil sie nicht lesen können).

Sie haben nur uns !! Die Pflegekräfte. 20 Patienten haben für all das 2 Pflegekräfte.

Danke!

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